Viel Tierwohl und kein Ausstoss

Ulrich Graf ist der erste Geflügelmäster mit einer CO2-neutralen Masthalle. Auf Stippvisite bei einem Pionierwerk der Schweizer Landwirtschaft im idyllischen Uttigen bei Thun.

Schweizer Fleisch bedeutet, dass wir uns auf unseren Familienbetrieben um unsere Tiere kümmern.
Ulrich Graf, Geflügelproduzent

Ein schmuckes braunes Bauernhaus im schönen Berner Oberland: grüne Fensterläden, Blumen, Tiere auf der Wiese und ein sensationeller Ausblick auf Eiger, Mönch und Jungfrau. Auf dem Hof von Ulrich Graf in Uttigen herrscht sie noch, die Romantik des bäuerlichen Familienbetriebs. Zumindest fast. Geführt wird der pittoreske Bauernhof von einem innovativen Landwirt mit Pioniercharakter. Keine Spur von Mistgabeln und alten Traktoren. Der Landwirt von heute nutzt modernste Gerätschaften und vor allem sein Handy. «Hier habe ich alle Daten von meinem Betrieb drauf. Ich kann alles anschauen, die Entwicklung studieren und natürlich die Börsenlage checken», schmunzelt der 53-Jährige.

Micarna – Ulrich Graf, Geflügel

Vom Dach direkt in die Geflügelhalle

Nicht nur die internationale Börse hat in den letzten Monaten für Aufsehen gesorgt, auch die neue Geflügelmasthalle von Ulrich Graf hat in Landwirtschaftskreisen grosses Interesse generiert. Im Frühling 2015 in Betrieb genommen, ist die Geflügelhalle in Uttigen die erste und europaweit bisher wohl einzige CO2-neutrale Masthalle. «Wir verbrauchen keine fossile Energie und haben damit keinen Schadstoffausstoss. Ein Projekt, das sich für uns sowohl ökologisch wie auch ökonomisch auszahlt», erklärt der Familienvater. Möglich macht das ein ausgeklügeltes Energiekonzept mit Wärmepumpe, Erdsonden und einer Fotovoltaikanlage auf dem Dach. Zu Spitzenzeiten kann die Familie bis zu 60 Prozent der gewonnenen Energie selbst nutzen – zum Beispiel zur Beheizung der Geflügelhalle auf kuschelige 36 Grad beim Einzug der neuen Küken.

Micarna – Ulrich Graf, Geflügel

Perfekte Betreuung und konstante Qualität

Die Idee zu diesem Projekt kam dem Landwirt vor gut drei Jahren. «Ich wollte schon früher etwas mit Geflügel machen, hatte aber die landwirtschaftliche Fläche nicht. Als sich das geändert hat, haben wir nach neuen Ertragsmöglichkeiten gesucht, die ökologisch und wirtschaftlich nachhaltig sind und sich gut in unseren bestehenden Betrieb integrieren lassen.» Durch einen Kollegen kam er auf die Geflügelmast in Zusammenarbeit mit der Micarna. «Kurz darauf habe ich ein Inserat entdeckt, in dem stand, dass die Micarna Optigal-Mäster sucht. Kurz darauf habe ich mich mit Renato Feyer von der Micarna zum ersten Mal über unser Projekt ausgetauscht.» Vor allem die gute Planung, die enge Betreuung und die Unterstützung sowohl in der Bauphase als auch während der Betreuung der Tiere haben den Landwirt überzeugt. «Als Teil der Wertschöpfungskette Geflügel profitieren wir bei der Micarna beispielsweise von einer hohen und vor allem gleichbleibenden Qualität der Tiere, das Futter ist immer gut und dank der Zusammenarbeit mit Krummen Kerzers haben wir sogar Unterstützung beim Verladen der Tiere.»

Micarna – Ulrich Graf, Geflügel

Gute Stallqualität sorgt für Schmutz auf dem Dach

Auch die Tiere scheinen sich in der 600 Quadratmeter grossen Halle wohlzufühlen. Sie merken nichts von den rund 100 Solarpanels auf ihrem Dach und geniessen die warmen Sonnenstrahlen in ihrem hellen Wintergarten. Frieren mussten sie aufgrund des Pionierprojekts aber noch nie. «Wir haben bis heute keinerlei Probleme», betont Ulrich Graf. Einzig die Platzierung der Anlage würde er heute leicht anders machen, aber nicht wegen der eigentlichen Energiegewinnung, sondern wegen der Verschmutzung. «Wir haben die Anlage direkt unterhalb unserer Lüftung. Dadurch, dass bei uns alles so gut funktioniert und wir im Stall keinerlei Probleme mit Feuchtigkeit haben, wirbeln die Tiere Staub auf und der landet über die Lüftung auf dem Dach und somit auf den Solarpanels.» Eine solche Ablagerung hat Einfluss auf die Messzahlen, wie ein Blick auf die Daten im Handy zeigt. «Aber das ist nicht weiter schlimm, es heisst aber, dass wir die Anlage bald reinigen müssen.» Eine Arbeit, um die sich Ulrich Graf, ebenso wie um Teile der Installation, selbst kümmern will.

Pionierprojekte als finanzielle Wagnisse

Auf die Idee, seine Geflügelhalle CO2-neutral zu gestalten, ist der gelernte Landwirt aber nicht alleine gekommen. «Ich ging eigentlich davon aus, dass wir, wie üblich bei solchen Ställen, eine Gasheizung einbauen. Dann kam ein guter Freund, der sich auf Wärmepumpen spezialisiert hat, auf die Idee, die Wärme, die in der Halle benötigt wird, selbst zu produzieren.» Auf das erste Gedankenspiel folgten detaillierte Berechnungen und Machbarkeitsstudien. «Die Herausforderung war, dass es keine vergleichbaren Projekte gab. Viele haben unser Vorhaben infrage gestellt: Das sei nicht realisierbar, viel zu teuer, nicht sicher genug. Ich selbst war überzeugt, wir packen das. Heute kann ich mit Stolz hier stehen und sagen: Es passt alles perfekt, das Projekt hat sich mehr als gelohnt.» Nicht nur aus ökologischer, sondern auch aus finanzieller Sicht. «Natürlich wäre es billiger gewesen, eine herkömmliche Gasheizung statt einer Wärmepumpe zu installieren. Aber für Pionierprojekte muss man den Mut haben, etwas Geld in die Hand zu nehmen. Und heute leben wir damit deutlich preiswerter. In weniger als fünf Jahren habe ich meine Anlage refinanziert.»

Familiäre Unterstützung auf dem Betrieb

Nicht nur die innovative Anlage rentiert sich für die Familie, auch die Geflügelmast per se ist ein lukrativer Zusatzverdienst. Die Nachfrage nach Schweizer Poulet wächst kontinuierlich und der Betreuungsaufwand während der Mastzeit lässt sich perfekt mit den anderen Arbeiten auf dem Hof verbinden. So auch für Ulrich Graf, der neben der Geflügelmast Mutterkuhhaltung sowie Acker- und Obstbau betreibt. 13 Hektar Land bewirtschaftet der gelernte Landwirt zusammen mit seiner Frau und der gelegentlichen Unterstützung seines Vaters und Vorgängers. «Ich habe den Familienbetrieb vor rund 25 Jahren übernommen. Schon mein Vater und mein Grossvater haben hier gelebt. Es ist schön, eine solche Tradition weiterführen zu können.» Ob dereinst eines seiner drei Kinder den Betrieb übernehmen will, steht aktuell noch in den Sternen. Das Interesse an der Landwirtschaft sei da, dennoch sollten sie zuerst auf eigenen Füssen stehen und ihre Ausbildungen abschliessen. «Wir arbeiten noch zehn Jahre, danach schauen wir weiter. Aber klar wäre es schön, wenn das Werk von der nächsten Generation übernommen und fortgeführt wird.»

Pioniere sind auch in Zukunft gefragt

Und wer weiss, vielleicht gelingt der folgenden Pioniergeneration der nächste Schritt für eine noch nachhaltigere Landwirtschaft: die Möglichkeit, gewonnene Wärme als Energie zu speichern. «Das ist noch die grosse Herausforderung unserer Zeit. Wir können heute mit nachhaltigen Rohstoffen Energie gewinnen, aber wie schaffen wir es in Zukunft, den Energieüberschuss, den wir bei sonnigem Wetter produzieren, zu speichern und beispielsweise in der Nacht oder zu einem späteren Zeitpunkt zu verwenden?» Eine Herausforderung, der sich eine ganze Energiebranche stellt. «Es braucht einfach Mutige, die voranschreiten und etwas wagen», davon ist der 53-jährige Landwirt überzeugt. Mutige wie Ulrich Graf und seine Familie mit ihrer ersten CO2-neutralen Geflügelhalle der Schweiz.